Im Herzen des Piemont

Piemont

Die Sommerpause im Restaurant PUR konnte ich wieder einmal nutzen, um ein grosses Weingebiet zu bereisen. Gemeinsam mit meinem langjährigen Weggefährten, auf gastronomischem Territorium, Wayne Scheede, fuhr ich mitten ins Herzen des Piemonts, nach Barolo. Als Ausgansbasis genossen wir das stilvoll restaurierte Ambiente eines alten Bauernhofes in Vergne. Hoch über den sinnlich anmutenden Hügeln, zwischen La Morra und Barolo. Der Ausgangspunkt war ideal um Alba, Serralunga, Castallione Falleto, Monforte, Novello und natürlich die beiden nahegelegenen Protagonisten kennen zu lernen.

 

Ein Blick auf Barolo

Wer den Südosten des Piemonts verstehen möchte, muss sich erst einmal einen Blick über die Geographie verschaffen. Geteilt wird das Gebiet in Norden und Süden. Der nördliche Teil wird Roero genannt, der südliche Langhe. Geteilt wird die Region durch einen Fluss, den Tánaro. Entscheidend wirkt sich aus, dass sich hier eine klare Grenze zwischen Bodenbeschaffenheiten aufzeigt. Im Roero sind die Böden deutlich leichter. Sie sind mit Sand durchzogen, was feingliedrigere Weine entstehen lässt. Die Unterlage im Langhe besteht überwiegend aus kalkhaltigem Mergel. (Mergel: ein Sedimentgestein, welches sich reich an Mineralien und Spurenelementen zeigt: Eisen; Kalium; Phosphor; Mangan;  Kupfer und Magnesium finden sich in unterschiedlichen Mengen wieder. Dazu ist es zumeist von Kalk oder Ton geprägt.) Diese Böden prägen den Nebbiolo und geben die Voraussetzung für das Phänomen, welches  alle Liebhaber aristokratischer, piemonteser Weinkultur schier anbeten. Den Barolo.

Der Tánaro trennt Roero & Langhe

Das Barolo-Gebiet, benannt nach der  mittelalterlichen Stadt im Zentrum, erschliesst sich über elf Gemeinden und verfügt über ca. 1700 ha Weinbergfläche. 40% davon erlangte man durch eine Vergrösserung der Reibfläche in den 90er Jahren. Jedoch sind gewisse Lagen, der neu erschlossenen Fläche zu kühl um Nebbiolo damit zu bepflanzen. Wer sein Etikett mit Barolo DOCG schmücken möchte, muss aber seinen Wein zu 100% aus der anspruchsvollen Rebsorte vinifizieren.  Der Tradition nach reift der Wein erst einige Jahre in grossen Eichenholzfässern (zwei Jahre Reifezeit schreibt der Gesetzgeber vor, so wie ein weiteres Jahr in der Flasche), bevor er auf den Markt kommt. Hierfür gibt es drei Termine. 1/3 der Barolis werden im Januar herausgegeben, 1/3 rechtzeitig zur Vinitaly (Italiens wichtigster Weinmesse) im April und das restliche Drittel im September. Die Wahl des entsprechenden Zeitpunktes obliegt den einzelnen Weingütern und wird auf Grund der strategischen Ausrichtung vorgenommen.

 

Die Lagen von La Morra. Sehr typisch erstrecken sich die sanften Hügel.

Stilistisch unterscheidet man in groben Zügen die Baroli-Weine  aus dem Westen (La Morra, Barolo und Novello) von denen des Ostens (Castiglione Falleto, Serralunga und Monforte). Die Böden des Westens beinhalten einen kompakteren, fruchtbareren Kalkmergel der für Frische, Weichheit und Eleganz verantwortlich ist. Im Osten hingegen durchzieht sich unter der Oberfläche mehr rötlicher, verwitterter Sandstein und weist vereinzelt quarzhaltigen Sand zwischen den Mergelpartien auf. Die Weine sind straffer, intensiver, taninhaltiger und kompakter strukturiert. Nur gäbe es ohne den Faktor Mensch auch keinen Wein. Dieser beeinflusst die Stilistik ebenfalls enorm. So gibt es immer mehr Modernisten, die auf einen Ausbau im Barrique setzen. Ihnen gegenüber stehen die Traditionalisten, die sich strikt an alten Werten orientieren und an den grossen Fässern und der ursprünglichen Weinbereitung festhalten. Da es zwischen weiss und schwarz aber auch immer Grauzonen gibt, erfreut da sehr. So wird teilweise moderne Technik zur Qualitätskontrolle mit der klassischen Weinbereitungsphilosophie kombiniert. In den Weingärten selektionös von Hand gelesen und auch immer häufiger auf den Einsatz von Pestiziden  verzichtet. Denn was die Faszination von Barolo ausmacht, ist authentische Weine  erleben zu dürfen. Weine die sich langsam entfalten und einen einzigartigen Charakter präsentieren.  Welche Stilistik einem persönlich mehr zusagt, darf getrost jedem Geniesser selbst überlassen werden, so lange die Qualität hervorragend ist und bleibt.

Grosse Baroli zählen

zu den Langlebigsten Rotweinen der Welt.

Das Piemont ist in jeglicher kulinarischer Hinsicht ein absolutes Highlight.  Die Küche präsentiert sich bodenständig und rustikal. Eintöpfe und Suppen aus Bohnen, Kichererbsen  und Brot gehören zum Alltag, so wie Polenta, Risotto und Pasta Gerichte. Drosseln, Pasteten, Pilzkreationen, Carne Cruda, Gemüse und Omlettevariationen runden die Vielschichtigkeit mit viel Abwechslung ab.  So gilt eine junge Frau als heiratsfähig, wenn sie denn auch in der Lage sei frische Pasta zuzubereiten. Sonst ist sie wohl doch noch etwas zu jung, raunt man sich unter zugehaltener Hand zu. Einige dieser einfachen Speisen werden dann im Herbst in den aristokratischen Himmel katapultiert. Immer wenn die Zeit des weltberühmten „Weissen Albatrüffels“ anbricht. Dieser wird in hauchzarten Streifen und wohl dosiert eingesetzt.  Im Glas wird natürlich einheimischer Wein gereicht.  Neben dem Nebbiolo gibt es nämlich noch ein sehr breit aufgestelltes Angebot regionaler Rebsorten. Bei den Roten sind es der Barbera  mit seiner Fülle und weich strukturierten Frucht, Dolcetto mit einer tintendunklen Farbe gilt als leichter dunkelbeeriger Tropfen und weitere autochthone Rebsorten wie Freisa, Pelaverga, Grignolino, oder Ruché ergänzen das Sortiment. Dolcetto wurde übrigens ursprünglich angebaut um den Erntehelfern als Nahrung zu dienen. Erst im Laufe des 19.-20. Jahrhunderts fing man an ihn als Rebpflanze zu kultivieren. Die Weissweine werden aus Cortese, Arneis, Pigato, Vermentino und Nascetta gekeltert, welche zu grössten Teilen im Roero wachsen und gedeihen. Bekannt ist noch der Moscato aus Asti, hat er doch eine feste Verankerung auf der Weinkarte des Lieblingsitalieners und erfrischt mit seiner leicht prickelnden Kohlensäure und milden Restsüsse an so manch heissem Sommerabend.

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